Jüdisches Lehrhaus von Rabbiner Zinvirt

SCHALOM und HERZLICH WILLKOMMEN

Yaacov Zinvirt, Rabbiner, Dozent, Autor   

 

 

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Neuerscheinung

 

Yaacov Zinvirt 
 Hebräisch-jüdisches Schülerlehrbuch
 Ein Arbeitsbuch für Schule, Gemeinde und Weiterbildung 
 
Reihe: Jüdisches Lehrhaus - lebendiges Judentum
 Bd. 4, 2015, 216 S., 19.90 EUR, 31.90 CHF, br., ISBN 978-3-643-12894-2


Das vorliegende Hebräisch-jüdische Schülerlehrbuch vermittelt die Grundlagen der hebräischen Sprache mit einem didaktisch innovativen Ansatz. Diese neuartig entwickelte Methode hilft schnell das Schriftbild, die Wortbedeutung und die Grammatik zu erschließen. Mit dem Erlernen des hebräischen Alphabets anhand von Schreibübungen werden sofort erste Worte und schrittweise Sätze gebildet. Um das Erfolgserlebnis des Anwenders zu steigern, wurden Konsonanten und Vokale in der Spracherwerbseingangsphase so gewählt, dass bereits mit sehr wenig Basis nach der 3. Lerneinheit Schüler kurze Konversationen abhalten können.

Die jüdischen Feiertage, Zahlen, Farben und Körperteile werden anhand von Kurzgeschichten erklärt.

Weiterhin erleichtern anschauliche Grafiken, Übersetzungen und Umschrift die Anwendung für Schule, Gemeinde und Weiterbildung. Hinzu kommen Hinweise für die Aussprache und Übungen sowie Erklärungen im Anhang.                    

 

 

 

   

Die Früchte des Landes

Der jüdische Monat erinnert an unsere Pflicht, die Umwelt zu schützen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21334

 

Warum wir Anfang Februar in Deutschland das Neujahr der Bäume, Tu Bischwat, feiern, leuchtet auf den ersten Blick vielleicht nicht jedem ein. Doch immerhin werden die Tage länger, und in Israel erwachen Flora und Fauna schon aus ihrer Winterruhe. Die ersten Frühblüher zeigen sich, die Bienen und Vögel fliegen aus. Der jüdische Monat Schwat verweist auf die Erneuerung der Natur in Israel – und in der Diaspora können wir uns an Tu Bischwat (am 4. Februar) zumindest schon auf den kommenden Frühling freuen.

Am Tu Bischwat-Fest, am 15. Tag des Monats Schwat, bringen wir die Verbindung zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck, indem wir Bäume pflanzen und von den »Sieben Arten« Israels essen: Weizen, Gerste, Datteln, Feigen, Oliven, Granatäpfel und Weintrauben. Doch was sagt das Judentum prinzipiell zum Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Pflanzen- und Tierwelt, zur Erde und zum Wasser?

Eimer Der Monat Schwat steht im Sternzeichen des Wassermanns – oder des Eimers. In einer antiken Synagoge, die in Bet Alfa im Norden Israels steht, fanden Archäologen ein Mosaik mit dem Symbol eines Eimers für den Schwat. Im 4. Buch Mose 23,7 finden wir die Stelle: »Aus seinen Eimern rinnt Wasser, an reichen Wassern seine Saat«. Im Monat Schwat ist der meiste Regen des Winters schon gefallen, und die Brunnen und Wassergruben sind voll. Das Wasser muss nicht mehr vom Grund des Brunnens geschöpft werden, sondern kann von der Oberfläche geholt werden. Nach dem Schöpfen läuft der Eimer oft über.

Eine enge Beziehung zwischen Mensch und Umwelt finden wir in der Tora schon bei der Geschichte von der Erschaffung der Welt. Dazu lesen wir im 1. Buch Mose 1, 28: »Und G’tt segnete sie (Adam und Eva) und sprach zu ihnen: ›Seid fruchtbar und mehret euch, füllt die Erde und bezwingt sie, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen.‹«

Wenn wir dieses Kapitel lesen, lernen wir zunächst daraus, dass der Mensch über die Natur herrschen und diese für seine Bedürfnisse so nutzen kann, wie es ihm passt. Alles wurde nur für den Menschen geschaffen – Tieren und der Natur wurden keine Rechte zugesprochen. Würde man diesen Vers isoliert betrachten, wäre er ein Freibrief zur totalen Ausnutzung und Ausbeutung der Umwelt.

Schabbat Doch im Talmudtraktat Sanhedrin, Blatt 38, Seite 1 steht, dass der Mensch an Erew Schabbat (Freitagnachmittag) geschaffen wurde, also ganz zum Schluss der Schöpfungsgeschichte. Und in der Gemara fragt man sich: Warum?

Die Antwort ist: Der Mensch soll nicht zu stolz werden und sich einbilden, er sei das Wichtigste bei der Erschaffung der Welt gewesen. Wenn er jedoch behauptet, er besitze Möglichkeiten, die Tiere und Pflanzen nicht haben, dann sei ihm gesagt: Die Mücke ist schon vor ihm erschaffen worden.

Ein Mensch, der das religiöse Ziel, G’tt zu dienen und unter anderem den Schabbat zu halten, verfehlt, indem er von sich behauptet, er stehe über allen Dingen, und sich nicht dem Ewigen unterwirft, dessen Wert ist geringer als der einer kleinen Mücke oder anderer Tiere. Denn die Welt wurde nicht erschaffen, damit der Mensch alles in egoistischer Weise nur für sich nutzen soll, sondern als Instrument, um G’tt zu dienen.

Dazu betrachten wir folgende Verse im 1. Buch Mose 1, 29–30: »Und G’tt sprach: Seht, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der Oberfläche der ganzen Erde und alle Bäume, an denen Baumfrucht die Samen trägt; euch sei es zum Essen. Allen Tieren des Landes aber und allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, worin ein Lebensodem ist, gebe ich alles grüne Kraut zum Essen.«

Bäume In diesen beiden Versen zeigt sich, dass der Mensch und die Tiere in der Nahrungsfrage gleichwertig sind. Der Mensch sollte fleischlos wie das Tier leben: Zur Zeit der ersten Menschen war nur der Verzehr von den Früchten der Bäume erlaubt, die Samen tragen und sich immer wieder erneuern konnten. Tiere hingegen durften alle Pflanzen verzehren.

Der Mensch kann Moral und Ethik einsetzen, hat einen Verstand und ist G’ttes Ebenbild, deshalb wird von ihm auch mehr verlangt als von den Tieren. Er kann seine Bedürfnisse regulieren und ist durch angemessenes Verhalten in der Lage, Nahrung auch für die nächste Generation zu gewährleisten.

Der Mensch darf nicht tun und lassen, was er will. Er muss ein Teil der Umwelt sein und durch sein Verhalten eine Balance schaffen. Später jedoch, in Zeiten von Noach, nach der Sintflut, wurde der Verzehr von Fleisch erlaubt. Nach der Toraübergabe am Sinai erfolgte eine neue Epoche mit Speisegesetzen, die für uns bis heute Gültigkeit haben.

Grenzen Im 1. Buch Mose, 2, 15 steht: »Und G’tt, der Ewige, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.« Hier ist das Wort »bewahre« ausschlaggebend. Dem Menschen sind Grenzen gesetzt. Auch in den folgenden Versen werden wir darauf hingewiesen: »Wenn du eine Stadt lange Zeit einschließt und bekriegst, um sie einzunehmen, so sollst du die Bäume um sie herum nicht zerstören, indem du die Axt gegen sie schwingst, sondern sollst nur von ihnen essen, sie selbst aber nicht umhauen. (...) Nur einen Baum, von dem du weißt, dass er kein Fruchtbaum ist, den darfst du zerstören und umhauen, um gegen die Stadt, die mit dir Krieg führt, Belagerungswerke zu bauen, bis sie fällt (5. Buch Mose, 20, 19–20).

Die Tora ermahnt uns, auch in Zeiten des Krieges, in denen viele Ausnahmezustände bestehen, auf die Natur zu achten und Grenzen nicht zu überschreiten, denn der Mensch ist wie ein Baum auf dem Felde. Der Mensch wurde als Ebenbild G’ttes erschaffen, der in der Lage ist, Gut und Böse zu unterscheiden.

Im Sinne der Tora wird vom Menschen Produktivität und Innovationsgeist verlangt. Er soll sich weiterentwickeln, da die Welt auch für ihn geschaffen worden ist. Jedoch ist er verpflichtet, das Geschenk
G’ttes zu erhalten und mit der Umwelt in Harmonie zu leben.

Das Judentum sucht hier einen Mittelweg: »Le Owda u le Schomra« – das heißt, bebaue und bewache. Einerseits dürfen wir alles auf der uns geschenkten Welt nutzen, aber nur unter Einschränkungen, damit diese Welt nicht nur für uns, sondern auch für die zukünftigen Generationen erhalten bleibt. Der Monat Schwat ist eine ideale Zeit, um uns daran zu erinnern
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Im Zeichen des Fastens

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21108/highlight/tewet

 

Im Monat Tewet erinnern wir uns an die Zerstörung des ersten jüdischen Tempels in Jerusalem.

      

Der Monat Tewet ist der zehnte Monat im jüdischen Kalender, wenn man den Frühlingsmonat Nissan als ersten Monat annimmt. Der zehnte Tag des Monats Tewet ist ein Fastentag – er erinnert an die Zerstörung des ersten jüdischen Tempels in Jerusalem.



Das Jerusalemer Heiligtum war vor seiner Zerstörung nicht nur ein nationales, lokales Symbol für das Judentum, sondern auch ein universales, ein internationales. In Jesaja 56,7 steht: »Sie werde ich bringen nach meinem heiligen Berge und sie erfreuen, in meinem Bethaus ihre Ganzopfer und ihre Schlachtopfer werden gnädig aufgenommen auf meinem Altare, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker!«



Vision Diese Vision ist nicht nur die des Propheten Jesaja, sondern ein entsprechendes Gebet sprach auch König Salomon bei der Tempeleinweihung – siehe 1. Könige 8, 41–43: »Und auch auf den Ausländer, der nicht von deinem Volke ist, und er kommt aus fernem Lande, um deines Namens Willen (…). Und er kommt und betet in diesem Hause. Höre du im Himmel der Städte deines Sitzes und tue alles, was der Ausländer tut, damit alle Völker der Erde deinen Namen erkennen, dich zu fürchten, wie dein Volk Israel, und dass sie erkennen, dass dein Name genannt wird über diesem Hause, das ich gebaut.«



Das Ziel war und ist es, die Anerkennung G’ttes über das Volk Israel hinaus zu erweitern – über Grenzen hinweg in der gesamten Welt. Der 10. Tewet, der Fastentag, erinnert an die Blockade Jerusalems. Jerusalem war völlig von der Außenwelt abgeriegelt, was dazu führte, dass die Stadt letztendlich fiel und der Tempel zerstört wurde. 



Vier Fastentage Doch warum ist dieser Tag heute von so großer Bedeutung – gibt es doch andere, schwerwiegendere Katastrophen in der Geschichte des jüdischen Volkes? Um diese Frage zu beantworten, betrachten wir nun alle vier Fastentage, die einen Bezug zum Tempel haben.



Der erste von ihnen ist der 10. Tewet. An diesem Tag begann die Blockade, die Isolierung Jerusalems von der Außenwelt. Der zweite Fastentag ist der 17. Tamus, der Tag, an dem die Stadtmauern Jerusalems niedergerissen wurden. Der 9. Av ist der dritte – nämlich der Tag, an dem sowohl der erste als auch der zweite Tempel zerstört wurden. Der vierte Fastentag ist am 3. Tischrej und wird Zom Gedalja genannt. Wir gedenken an diesem Tag der Ermordung Gedaljas – er war ein bedeutender Mensch, ein Anführer Israels, nachdem das Volk nach Babylonien in die Diaspora gehen musste.



Ist es denn überhaupt sinnvoll, uns in mehreren Etappen an die Zerstörung des Tempels zu erinnern? Reicht denn der 9. Av als Gedenktag an die Zerstörung der beiden jüdischen Tempel nicht aus?



Stufen Wir sollten diese vier Fastentage als verschiedene Stufen betrachten – oder sie uns als vier Kreise mit unterschiedlichen Radien veranschaulichen. Der erste Tag entspricht einem Kreis mit dem größten Radius, darauf folgt ein mittig liegender Kreis mit einem kleineren Radius und so weiter. Je kleiner der Radius, desto mehr nähern wir uns dem Mittelpunkt, dem Zentrum, dem Kern der Angelegenheit.



Der erste Kreis mit dem größten Radius steht für den 10. Tewet, für die Isolation Jerusalems von der Außenwelt. Die zweite Stufe und der Kreis mit einem kleineren Radius ist der 17. Tamus, an dem die Stadtmauern fielen, der Nationalstaat des jüdischen Volkes angegriffen und vernichtet wurde. 

Am 9. Av, der dritten Stufe, kam es zur Zerstörung des Geistes, der Religion. Mit dem Mord in der vierten Stufe, am 3. Tischrej, wurden die Persönlichkeit, das Individuum und seine Hoffnungen zerstört.



Lehre Dazu steht in Jesaja 2, 3: »Und viele Nationen werden ziehen, und sprechen: Wohlan, lasset uns hinaufgehen zum Berge des Ewigen, zum Hause G’ttes Jakobs, dass er uns lehre von seinen Wegen, und wir wandeln auf seinen Pfaden, wenn Zion wird ausgehen die Lehre und das Wort des Ewigen.«

In diesem Vers, nach der Zerstörung des Tempels, spricht Jesaja von einer Vision. Er sagt, es werde in Zukunft wieder so sein wie in der Zeit vor der Zerstörung des Tempels. Jedoch ist es die Aufgabe des Volkes Israels, den Völkern der Welt die Existenz G’ttes aufzuzeigen, damit sie ihn anerkennen und den Weg zum Ewigen finden werden.



Der 10. Tewet ist deshalb von so großer Bedeutung, da genau an diesem Tag die Verbindung zwischen Jerusalem und der restlichen Welt unterbunden und unterbrochen wurde. Dieser traurige Fastentag war ein Tag, an dem die globale Vision der Anerkennung G’ttes zusammenbrach.



Der 10. Tewet steht also für die Errichtung von Mauern, von Isolation, sowie zwei weitere Ereignisse, die Mauern in den Köpfen der Menschen entstehen ließen, obwohl es eigentlich das Ziel war, zwischen Juden und anderen Völkern eine Brücke zu bauen.

 Zum einen war das der Targum ha Schiw'im, das bedeutet »Übersetzung der 70«.

Übersetzung Die Griechen wollten mit dem »Targum ha Schiw'im« die Tora ins Griechische zu übersetzen lassen. Dazu beauftragten sie 70 Menschen, die separat und unabhängig voneinander die Tora  übersetzen sollten.

 Nach dem Abschluss dieser Aufgabe wollte man die Übersetzungen vergleichen und die geeignetste veröffentlichen. Dadurch wollten die Griechen die von ihnen vermuteten Geheimnisse der Tora und des Glaubens lüften.

Dieses Projekt wurde am 8. Tewet fertiggestellt. Im Talmud Bawli, im Traktat Megila, Blatt 9, Seite 1 und 2 steht dazu, dass dieses Ereignis die Welt in Finsternis hüllte. Mit Finsternis ist hier große Trauer gemeint.



Trauer deshalb, weil die Übersetzung, die von den Griechen veranlasst wurde, nicht die ursprüngliche Aussagekraft der Tora hatte. Durch die Übersetzung wurde vieles verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt; sie war inhaltslos. Es fehlte auch der Aspekt der mündlichen Tora. Es war nur eine reine Übersetzung, wie ein Buch. Es mangelte ihr an der Essenz und der Spiritualität der Tora. Dies war ein Schritt zur Zerstörung des Volkes Israels. Er führte zur Annäherung zwischen Juden und Griechen, zur Vermischung der Völker, zum Angriff von Griechen auf Juden, bis hin zur Ermordung.



Christentum Das zweite Ereignis, die Geburt Jesu, steht mit dem 10. Tewet in Verbindung. Man kann die beiden Ereignisse als Fehlversuche werten, das Judentum zu universalisieren. Das frühe Christentum hat sich nicht als neue Religion gesehen, sondern als eine neue Richtung im Judentum, die ihre Tore für die ganze Menschheit öffnen wollte. Diese Öffnung und das Ziel der Zugänglichkeit für alle funktionierte jedoch nicht, es kam zur Abspaltung und Entstehung einer neuen Religion.



Der Tempel in Jerusalem war einst das Zentrum der Welt. Die vier Fastentage zeigen uns, wie dieses Universelle zerfallen ist. Unser Ziel jedoch ist es, zu diesem Urzustand zurückzukehren. Versuche, die nicht im Sinne der Tora waren, wie der der Griechen oder die Abspaltung vom Judentum, führten und führen nicht dazu. 

In Zecharia 8, 19 steht: »So spricht der Ewige der Heerscharen: Das Fasten des vierten und des fünften, des siebten und das Fasten des zehnten werden dem Hause Jehuda zur Wonne und Freude und zur fröhlichen Festzeiten, aber Wahrheit und Frieden liebet.«



Mit dem vierten ist der Monat Tamus, mit dem fünften der Monat Av, mit dem siebten der Monat Tischrej und mit dem zehnten der Monat Tewet gemeint. Die Aussage des Propheten ist, dass der Tag der Freude kommen wird und die Universalität naht. 



Frieden Wir müssen in rechte Bahnen lenken, was auf dem Weg zu unserem Ziel falsch gelaufen ist. Und wir können es schaffen, wenn wir die Weisheit aller Völker vereinen mit dem Licht und der Existenz G’ttes. Wenn wir das schaffen, dann werden die Worte der Propheten wahr. Die Fastentage werden sich in Freudentage wandeln, und wir werden mit allen zusammen in Harmonie und Frieden leben können. 

 

 

 

 

 

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20757

 

Kislew

 

Zeit des Regenbogens-Welche Bedeutung Träume im Wintermonat haben

Existieren Wunder nur virtuell, oder können sie auch heute noch wahr werden? In wenigen Wochen werden Chanukkakerzen die langen, dunklen Nächte des Wintermonats Kislew erhellen – und uns an die Wiedereinweihung des Tempels erinnern. Doch gibt es heute tatsächlich noch Wunder, von denen wir träumen? Und welche Bedeutung hat für uns der Monat Kislew?

Der Hohepriester trug einen Brustschild (hebräisch Choschen). An diesem waren für die zwölf Stämme Israels zwölf unterschiedliche Steine angebracht. Diese symbolisierten laut Kabbala auch die zwölf jüdischen Monate. Der Stein Achlama steht dabei für den Monat Kislew.

Welcher Stein heute mit dem Achlama vergleichbar ist, ist nicht genau geklärt. Einige nennen ihn Kristall, andere Amethyst. Die Wurzel des hebräischen Wortes Achlama ist Chet, Lamed und Mem. Das Wort Chalom, der Traum, hat die gleiche Wurzel. Hier zeigt sich eine besondere Verbindung zwischen dem Monat Kislew und dem Wort Traum und seiner Bedeutung.

Im Monat Kislew lesen wir in der Tora neun der zehn Träume, die im ersten Buch Mose vorkommen. Der bekannteste davon ist Jakows Traum. In den Kislew fallen auch die längsten Nächte des Jahres – somit haben wir lange Zeit zum Träumen. Wir betrachten aber nicht nur die Träume der Nacht, sondern auch diejenigen, die wir in Zukunft verwirklichen wollen.

Sternzeichen
Das Sternzeichen des MonatsKislew ist Keschet – der Bogen. Es kann sich dabei um den Regenbogen (KeschetbeAnan), aber auch um Pfeil und Bogen (Chez waKeschet) handeln. Ein Regenbogen– die erste Lesart – ist eine wunderschöne Himmelserscheinung, die für uns jedoch nicht greifbar ist.

Andererseits steht der Regenbogen auch für den Bund (Brit) zwischen G’tt und Noach, der im Monat Kislew, nach dem Ende der Sintflut am 27. des Monats Cheschwan, geschlossen wurde: ein Zeichen dafür, dass die Sintflut nicht mehr über die Menschheit hereinbrechen wird. Träume gehören in den Bereich des Unterbewussten. Der Regenbogen symbolisiert den Traum, das Unterbewusste. Durch den Bund wird er Realität und geht in unser Bewusstsein über.

Wenn wir uns der zweiten Übersetzungsmöglichkeit von »Keschet« zuwenden, dem Bogen, dann ist er Teil einer Waffe, auch wenn uns der halbrunde Bogen in seiner Form an einen Regenbogen erinnert. Waffen haben unterschiedliche Stärken und Funktionen. Zum Beispiel ist der Kampf mit Degen, Schwert oder Messer ein direkter Kampf mit einem realen Gegner. Das Werkzeug Bogen zielt jedoch daraufhin ab, ein weit entferntes Ziel zu fokussieren. Ob man das Ziel dabei trifft, ist jedoch ungewiss.

Gebet Der Ablauf beim Bogen ist im Vergleich zum Regenbogen umgekehrt, vom Bekannten zum Unbekannten. Ein Gebet symbolisiert einen Kampf gegen uns selbst, gegen in uns eventuell schlummernde schlechte Triebe und wird im Chassidismus als Keschet (Bogen) bezeichnet. Das Gebet soll gegen die schlechten Strömungen im Unterbewusstsein wirken. Die Bewegungsrichtung, der Kampf, ist hier auch vom Bewusstsein, dem aktiven Gebet und einem ordentlichen Lebenswandel hin zum Unterbewusstsein, den bösenTrieben. Im Judentum ist der Umgang mit biblischen Träumen nicht nur eine Analyse der Seele, sondern auch eine Feststellung, was die Zeichen der Träume für unsere Realität zu bedeuten haben.

Die Propheten und unsere Vorfahren wie Jakow waren in der Lage, die Botschaften G’ttes in ihren Träumen zu entschlüsseln, zu verstehen und in die Realitätum zusetzen. Wir kennen den Traum des Pharao: sieben fette und sieben dürre Jahre. Durch die Deutung Josefs wurde die Botschaft verstanden und umgesetzt.

Im Monat Kislew gibt es zwei Hauptereignisse, die dem Regenbogen und dem Bogen entsprechen. Zunächst betrachten wir den Kampf der Makkabäer um den Tempel. Die Makkabäer kämpften gegen die Griechen, denn sie wollten den Tempeldienst wiedereinführen. Ihr Krieg war ein Krieg gegen Unterdrückung, für Unabhängigkeit und freie Ausübung der Religion.

Realität Zu Beginn schien ein Sieg in diesem Krieg wie ein Traum, der nie wahr werden konnte, denn es war ein Kampf gegen eine voll ausgerüstete griechische Armee, ein Imperium. Die Makkabäer waren Kohanim (Priester), und die Kunst des Kämpfens lag ihnen fern. Doch weil sie trotzdem in der Lage waren, an ihrem Traum festzuhalten, wurde er Realität, und sie gingen aus dem Kampf als Sieger und Helden hervor.

Der  Traum, das Imperium zu besiegen, steht für den Regenbogen, vom Ungreifbaren zum Greifbaren – zum Sieg. Der Kampf für den Erhalt des Glaubens war das Motto und der Motor, ein Kampf für den Monotheismus, der in direktem Bezug zum Bogen steht: von der Realität, der Kampfansage bis hin zur Ungewissheit, wie der Glaube in Zukunft im Volk gefestigt werden kann.

Viele Jahre zuvor hatte sich im Monat Kislew eine Begebenheit abgespielt, die beide Aspekte des Bogens widerspiegelt. Im Buch Esra 10,9 steht geschrieben:»Und es versammelten sich alle Männer von Jehuda und Benjamin nach Jeruschalajim binnen drei Tagen; das war im neunten Monat, am 20. Tag; und das ganze Volk saß auf dem Platze von dem G’tteshaus, zitternd wegen der Angelegenheit und wegen des Regens.«

Esra Nach der Zerstörung des Ersten Tempels war Esra– ein Mann, der aus der Familie der Hohepriester stammte –, ein Führer in Babylon. Aufgrund seiner genialen Kenntnisse der Tora wurde er verehrt und erhielt den Beinahmen Esra HaSofer (der Schreiber). Der damalige König von Persien ermächtigte ihn, sowohl über die Juden in Babylon als auch über die Ausübung ihrer Religion zu wachen.

Die Juden waren den Persern sehr zugetan. Die persische Regierung wiederum wollte die Kraft der Juden in ihrem Lande nutzen, um sich gegen die Ägypter zuwappnen. Nach der Zerstörung des Ersten Tempels gingen die vertriebenen Juden nach Babylon in die Diaspora. Der Bau des Zweiten Tempels wurde zum Teil durch diese Juden finanziert und unterstützt.

Tempel Im Jahre 457 v.d.Z., 60 Jahre nach der Einweihung des Zweiten Tempels, kam Esra nach Jerusalem zurück. Der persischeKönig hatte ihm zuvor die Erlaubnis erteilt, gesammelte Gelder und Spenden der Juden Babylons nach Jerusalem zu bringen. Gleichzeitig war er befugt, in der Region Israels als Richter zu walten und weitere Richter zu ernennen.

Parallel dazu hatte Esra einen Traum. Er war direkter Nachfahre der Kohanim –einer Dynastie, der allein das Torastudium vorbehalten war. Er war aber auch ein Revolutionär, denn sein Anliegen war der Zugang zum Torastudium für alle. Seit Esras Zeit gibt es einige neue Regeln, wie zum Beispiel das Lesen der Tora am Montag und Donnerstag, den wöchentlichen Toraabschnitt et cetera.

Esra war es auch, der das Althebräische änderte, eine Vereinfachung einführte und somit eine neue Schrift prägte. Unsere heutige Schrift weicht nur noch sehr geringfügig von derjenigen Esras ab.

Jeschiwot Selbstverständlich oblag den Kohanim weiterhin die Tempelarbeit, aber Esra machte den Zugang zur Toralehre für alle möglich. Es formierten sich erste Jeschiwot, das Wissen für die Masse stand an erster Stelle. Mit der Sendung Esras nach Israel verfolgte der persische König nur die Erhaltung seiner politischen Macht. Doch Esra verwirklichte dadurch seinen eigenen Traum. Er wollte den Zugang zur Tora für alle, ein Traum, der  vom Ungewissen in die Realität führte, wie der Regenbogen. Dafür aber musste erkämpfen – wie der gespannte Bogen.

Bis heute kennen wir Träume, die wahr wurden – frei nach Theodor Herzl: »Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!« Oder lassen Sie es uns mit anderen Worten im Sinne des Monats Kislew sagen: Wenn ihr wollt, ist es kein Traum!

 

 

 http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20522

 

 

Cheschwan

 

Nicht untergehen

Nach den Feiertagen beginnt die Regenzeit. Die Herausforderungen des Alltags kehren zurück.

Manche ertrinken in Ängstenund Sorgen, andere bekommen das Chaos auf ihrem Schreibtisch nicht in den Griff.

Der Monat Tischri neigt sich dem Ende zu – und nach der langen Reihe der Feiertage müssen wir uns nun wieder den Anforderungen des Alltaglebens stellen. Im jüdischen Kalender ist Cheschwan der zweite Monat – oder der achte Monat, wenn man wie die Bibel davon ausgeht, dass das Jahr mit dem Frühlingsmonat Nissan beginnt.

Der Monat Cheschwan wird in der jüdischen Tradition auch Mar-Cheschwan genannt. Eine der Übersetzungen für»mar« lautet »bitter«. Ob diese Übersetzung aber die einzig richtige ist, wird sich später im Text zeigen. In jedem Fall ist der Herbstmonat Cheschwan in unseren Vorstellungen, und das vor allem in europäischen Breitengraden, ein grauer, nebliger und feuchter Monat.

Es stellt sich nun die Frage, ob die Weisen diesen Monat einfach nur als Zeit der Rückkehr in den Alltag sehen, oder ob der Cheschwan noch mehr Bedeutung für uns bereithält.

Tempelbau Im 1. Buch derKönige 6, 37-38 steht: »Im vierten Jahr (bezogen auf die Zeit des Regenten und seiner Regentschaft) im Monat Siv (Ijar) gründeten sie das G’tteshaus. Und im Jahr elf, im Monat Bul, der der achte Monat ist, wurde der Bau beendet.« Hier erfahren wir also, dass der Bau des Tempels in Jerusalem sieben Jahre dauerte, im Monat Ijar begann und im siebten Jahr im Monat Cheschwan, der auch Bulgenannt wird, fertiggestellt wurde.

Im Midrasch Tanchuna, Paraschat Noach, Perek 17 steht, dass das Wort Bul vom Wort »Mabul« kommt.Mabul bedeutet auf Hebräisch Flut oder die Sintflut. Der Cheschwan ist der Monat, in dem die Regenzeit beginnt. Dieser Monat war immer auch mit der Befürchtung der Menschen verbunden, dass sich der Regen wieder in eine Art Flut verwandeln könnte und somit eine Bedrohung darstellt. Cheschwan ist auf den ersten Blick also ein Monat, der mit Angst verbunden und mit einem negativen Potenzial behaftet ist.

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Selbstverständlich war diese Assoziation zum Cheschwan auch König Salomon bekannt. Gerade deshalb richtete er es so ein, den Tempel genau in diesem Monat fertigstellen zu lassen, um dem Cheschwan seinen schlechten Ruf zu nehmen und ihm ein neues Gesicht zu geben. Der Cheschwan sollte ein Monat der positiven Energie und ein Monat der Hoffnung werden – ein Monat, der uns zusätzlichen Schutz gibt und uns mit G’tt noch stärker verbindet.

Wasser ist für uns alle in erster Linie ein positives Element, ein Symbol des Lebens. Wasser ist jedoch nur in Maßen für uns nützlich. Geht die Wassermenge über ein bestimmtes Limit hinaus, wird Wasser für uns Menschen und alles Leben auf der Erde zur Gefahr.

Im 1. Buch Mose 6,13 steht: »Da sprach G’tt zu Noach: Das Ende aller Wesen ist von mir beschlossen, denn die Erde ist durch sie durch Gewalttat erfüllt; so will ich sie denn mit der Erde verderben.« Zu diesem Vers, insbesondere zu den Worten »denn die Erde ist voller Gewalttat« sagt Raschi: »Ihr Urteil wurde erst wegen des Raubens besiegelt.« Dies entnimmt er aus dem Talmudtraktat Sanhedrin 108a.

Grenzüberschreitungen

Raschi will uns damit sagen, dass der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, genau darin lag, dass geraubt wurde und keine Trennung mehr zwischen Privateigentum und Eigentum der Allgemeinheit existierte. Grenzen wurden überschritten und verschwanden gänzlich, es herrschte Chaos, es gab keinen gegenseitigen Respekt mehr.

Die Grenzüberschreitungen ließen keine gemeinsame Gesellschaftsform mehr zu und machten so das Leben unmöglich.

Gerade deshalb entschied sich G’tt dazu, die gewaltige Kraft, die Sintflut, über die Erde kommen zulassen.

Diese Strafe ist ein Sinnbild für die schlechten Taten der Menschheit. Die Sintflut ließ auf Erden alles verschwinden, alle Grenzen wurden weggespült, was auch hier zu einem totalen Chaos führte. Um nach diesem Schrecken, den die Flut hinterließ, wieder Ordnung zu schaffen, mussten Grenzen gesetzt werden.

Eine Aufgabe des Tempels war es, die von G’tt gegebene Kraft in eine angemessene Energieform und Richtung umzuwandeln, damit wir als Menschen überhaupt in der Lage sind, diese nutzen zu können. Der Tempel war eine Art Transformator, ein Ort, in dem Energie umgewandelt wurde, damit wir sie nutzen können. Diese Idee finden wir in dem Buch Olat Re’ija des großen und verehrten Rabbiners Awraham Jizchak Kook(1865–1935).

Gebete Im Monat Cheschwan beginnt man in Eretz Israel mit den Gebeten, in denen man um Regen bittet. In der Diaspora erfolgen diese Gebete erst einen Monat später. Wenn wir G’tt um Regen bitten, dann beten und bitten wir darum, dass das Gute (der Regen) in kleinen Mengen, als kleine Tropfen, kommen möge. Wir bitten um Mengen, die für uns Menschen gut, angemessen und geeignet sind.

Der Effekt unseres Gebets ist der gleiche, den damals der Tempel hatte. Er diente dazu, G’ttes Kraft und Energie angemessen zu erhalten. Wir wünschen uns Wasser, jedoch nur in Maßen: Unser Gebet ist wie eine Membran.

In Jesaja 40,15 heißt es:»… ke mar mi dli …« (übersetzt: … wie Tropfen vom Eimer …). »Mar« hat jedochhier nicht die Bedeutung von bitter, sondern »Mar« heißt Tropfen. G’tt ist in der Lage, uns einen ganzen Eimer Wasser zu geben. Wir brauchen aber nur einenTropfen davon, das reicht uns völlig aus.

Der Monat Cheschwan wird auch Marcheschwan genannt: Zuerst kamen uns all die negativen Assoziationen an einen grauen Wintermonat. Und wir dachten, »Mar« könne nur die Bedeutung »bitter« haben. Doch in der Jesaja-Stelle zeigt sich die wahre Antwort: »Mar«bedeutet hier »Tropfen«.

Ideale

Vor den Hohen Feiertagen stehen wir jedes Jahr vor einem Berg von Aufgaben. An den Feiertagen laufen wir dann zur Hochform auf. Wie aber können wir diese Ideale in einen grauen Alltag integrieren, ohne abzusteigen, ohne abzufallen?

Genau auf diese Frage wollte König Salomon eine Antwort geben. Gerade deshalb legte er den Zeitpunkt der Beendigung des Tempelbaus in den Monat Cheschwan. Das gibt uns die Möglichkeit, darüber zu reflektieren, warum die Flut über die Menschheit kam.

Die Antwort war, dass dieMenschen Grenzen überschritten haben. Der Monat Cheschwan hat daher die Aufgabe, uns Grenzen aufzuzeigen. Er soll uns dazu bewegen, das hohe Niveau,das wir an den Feiertagen erreicht haben, im Alltag zu halten. Mit derartiger Kraft und Energie werden wir den grauen und winterlichen Alltag dann mit Schwung meistern.

 

 

 

 

                                                       

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